Das Konzentrationslager in Spaichingen

Inititative KZ-Gedenken in Spaichingen e.V.

Ackermannstr. 19
78549 Spaichingen

Vorsitzende(r):
Frau Dr. Ingrid Dapp
0 74 24 / 07424 4665
0171 30 11 215
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Autor: Jochen Kastilan

Spaichingen ist eine Stadt, in der Menschen aus ganz Europa und darüber hinaus in Gemeinschaft leben. Ihnen allen ist bewusst, dass Massengräber, in denen ganze Völker verschwanden, nicht mehr möglich sein dürfen. Wenn die Spaichinger ihrer Toten der Kriege gedenken, wird auch stets an der Gedenkstätte des Konzentrationslagers, sie stammt vom Tuttlinger Bildhauer Roland Martin und wurde am 24. November 1963 eingeweiht, ein Kranz niedergelegt. Sie erinnert an jene "Spaichinger", die hier sieben Monate lang ihre Hölle auf Erden erlebten. "Wir kommen keinen Schritt weiter mit uns selbst, wenn wir vor dieser Dornenkrone nicht merken, dass sie zu uns spricht. Haben sich nicht viele Schweigen vorzuwerfen, wo sie hätten sprechen müssen, weggesehen, wo sie hätten helfen sollen?" fragte der damalige Regierungspräsident Birn anlässlich der Einweihung des Denkmals.

Befreiung am 08. Mai 1945
Für die rund 160 Toten dieses Konzentrationslagers kam die Befreiung des 8. Mai 1945 zu spät, für die Spaichinger war dieser Tag ein neuer Anfang, eine Befreiung von einem Terrorregime, von dem sich viele führen und verführen ließen. Das Mahnmal, so sagte der Regierungspräsident vor dem Massengrab, in dem 30 Opfer aus dem Konzentrationslager verscharrt worden waren, forderte jeden einzelnen auf, das seine zu tun, Gerechtigkeit und Frieden zu erhalten: "Hier liegen Menschen wie ich, in meinem Land, durch mein Land erniedrigt, durch Menschen wie du und ich, und keine Ungeheuer."

Birn: "Keine Erfindung der Propaganda, sondern furchtbarste Wirklichkeit." Der Regierungspräsident trat auch all jenen entgegen, die forderten, solche Dinge endlich zu vergessen: "Vergessenwollen ist Torheit! Wo wir hinrühren, sind Wunden, die nicht verheilt sind."

Das Konzentrationslager in Spaichingen war kein Spaichinger Konzentrationslager. Es gab in Baden und Württemberg seinerzeit 77 solcher Konzentrationslager, in denen Menschen als Sklaven benützt, gefoltert und ermordet wurden. In solchen Lagern wurden von Deutschen Schandtaten verübt, "wie sie in christlicher Zeit kein anderes Herrschaftssystem sich hat zuschulden kommen lasen." (Golo Mann).

Verurteilungen im Kriegsverbrecherprozess
Zeugen charakterisierten im größten Kriegsverbrecherprozess in der französischen Besatzungszone in Rastatt 1946/47 das Spaichinger Konzentrationslager als ein Lager, das im Vergleich zu Dachau und selbst Auschwitz als "eine wahre Hölle" bezeichnet werden müsse. Die Rede ist von grausamen Kapos und Schutzstaffel-Wächtern. Nach den Prozeßakten sind von den zunächst zur Verantwortung gezogenen sieben Angehörigen des Personals aus dem Konzentrationslager drei zum Tode verurteilt worden, einer zu lebenslänglicher Zwangsarbeit, ein anderer zu fünf Jahren Gefängnis. Der Direktor der "Metallwerke Spaichingen", Jakob Hartmann, erhielt im Laufe des Jahres 1947 mehrere Jahre Gefängnis, weil er unter anderem für die schlechte Ernährung der Häftlinge verantwortlich gemacht wurde.

Anfang Semptember 1944 bis 18. April 1945
Das Konzentrationslager Spaichingen war ein Nebenlager des Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof im Elsaß. Rund 300 bis 400 Häftlinge waren hier von Anfang September 1944 bis zur Auflösung am 18. April 1945 eingesperrt. Für die rund 400 Häftlinge folgte ein etwa zehntägiger Marsch in Richtung Allgäu. Über die Zahl der Toten auf diesem Evakuierungsmarsch liegen widersprüchliche Aussagen vor. Ein ehemaliger Häftling berichtete als Zeuge vor dem Gericht in Rastatt, dass nur etwa die Hälfte der Männer das Ende des Marsches in Füssen erlebte. Als Kapos eingesetzte Berufsverbrecher bewachten sie, die mit Schutzstaffel-Wächtern in brutalen Mißhandlungen der Häftlinge wetteiferten. Bei schlechter Ernährung und mangelhafter Bekleidung herrschten hier katastrophale Verhältnisse.

"Metallwerke Spaichingen"
Die Häftlinge mussten für die "Metallwerke Spaichingen" schuften. Dies war der Tarnname, unter dem die Waffenfabrik Mauser-Werke in Oberndorf am Nekar, die damals der Industriellenfamilie Quandt gehörten, einen Teil ihrer Produktion nach Spaichingen verlegte. In verschiedenen Fabrikräumen wurden Häftlinge aus dem Konzentrationslager zur Herstellung von Flugzeug-Bordwaffen eingesetzt. Hierfür sollte auch im Gewann Lehmgrube eine Fabrikhalle hochgezogen werden, welche bis Kriegsende aber nicht fertig war. Später wurde die Halle vom Bundeswehrdepot in Spaichingen mitverwendet. Nach dessen Auflösung wurde sie abgerissen. Heute steht dort der Neubau der Firma Honer und Grimm. Durch Privatinitiative hat die Besitzerfamilie einen Gedenkstein an der Stelle dieser früheren Halle aufgestellt.

Wie andere Nebenlager von Natzweiler-Struthof war Spaichingen auf direkten Befehl Himmlers entstanden und dem Hauptlager im Elsaß verwaltungsmäßig angegliedert, obwohl dieses bereits im September 1944 aufgelöst wurde. Der Kommandanturstab war bereits früher nach Stuttgart verlegt worden. Neben Spaichingen zählten noch in der Nähe die Konzentrationslager Schömberg, Schörzingen, Erzingen und Dautmergen zu den Außenstellen von Natzweiler-Struthof. Insgesamt wurden hier rund 50.000 Häftlinge durchgeschleust, von denen etwa die Hälfte den Tod fanden. Unter den politisch Deportierten, die den Lagern zugewiesen wurden, befanden sich große Transporte aus den Lagern Auschwitz, Dachau und Natzweiler-Struthof. Viele Häftlinge zogen den Selbstmord dem langen Hinsiechen vor. Die Schutzstaffel-Posten achteten sehr darauf, dass Spaichinger Einwohner kaum eine Chance hatten, den Häftlingen ihr Los durch Nahrungsmittel oder Kleidung zu erleichtern. Viele Tote wurden im Krematorium in Tuttlingen verbrannt.

Ehrenmal
Nach Kriegsende ließ die französische Besatzungsmacht ein Steinkreuz auf einem Massengrab bei der Bahnlinie errichten. 1963 folgte als Konzentrationslager-Ehrenmal  die heutige Stahlplastik von Roland Martin. Seit 9. November 2005 erinnern drei Bronzeplatten als "Stolpersteine" im heutigen Stadtzentrum an das Konzentrationslager in Spaichingen, dort wo einst in drei zum Teil unfertigen Baracken die Häftlinge untergebracht waren.  


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