Stadtnachricht

Austausch chinesischer Schüler mit den Gymnasien Spaichingen und Trossingen
Ein Bericht von Annegret Eddahbi


„If you´re happy and you know it …“ tänzelt Musiklehrer Winfried Mattes mit der sympathischen Chinesisch- und Musiklehrerin Chen Jingjing, die locker mit seinem Humor mithalten kann, vor der mitsingenden Delegation chinesischer Orchestermusikerinnen und –musiker, die am 7.Juli 09 nach den aufwändigen Vorbereitungen des Schüleraustausches mit China angereist sind. Schnell haben sie auf diese Art sämtliche Berührungsängste abgebaut.
Nachdem die chinesischen Austauschschülerinnen und –schüler mit ihren Lehrerinnen und dem stellvertretenden Schulleiter bereits am Abend zuvor in Lukou, 42km südlich von Nanjing, ins Flugzeug nach Frankfurt stiegen, wurden sie vo Schulleiter des Gymnasiums Spaichingen, Rainer Eyrich, mit den beiden Musiklehrern Tanja Staudenmaier aus Trossingen und Winfried Mattes aus Spaichingen am Flughafen abgeholt und zur Begrüßung ins Gymnasium nach Spaichingen gebracht. Dort warteten aufgeregte Gastfamilien auf ihren Besuch aus der Großstadt, 24 Jugendliche aus der Number Four Middle School von über 7 Millionen Einwohnern von Nanjing, die sich im Ländle und in unserer Schule eine Woche umschauen und viele, viele Auftritte haben werden, unter anderem bei den Sommerkonzerten der Gymnasien Trossingen und Spaichingen und bei den Schulorchestertagen nach Baden-Baden. Am ersten Tag sollen sie sich aber erst einmal etwas ausschlafen (immerhin sechs Stunden Zeitunterschied bewältigen), ihre neue Familie „beschnuppern“ und dann mit ihren neuen Freunden ihre neue Umgebung kennen lernen.
An ihrem ersten Aufenthaltstag konnten die chinesischen Schülerinnen und Schüler im Gymnasium Trossingen den Unterricht kennen lernen, um im Anschluss die Firma Häring in Bubsheim zu besichtigen. Das Interesse der chinesischen Delegation war besonders groß, da die Firma vor kurzem eine Fabrik in China gebaut hat und zur Zeit chinesische Mitarbeiter in Deutschkursen ausbilden lässt. Der Höhepunkt des Tages war der Auftritt im Trossinger Konzerthaus. Am Donnerstag empfingen die Bürgermeister von Trossingen und Spaichingen offiziell ihre Gäste in den Städten.
Chance für weltübergreifendes Verständnis nutzen
Empfang der chinesischen Gäste beim Bürgermeister Schuhmacher

Am Donnerstagabend hieß Bürgermeister Schuhmacher die chinesischen Gäste und ihre Gastfamilien aus Trossingen und Spaichingen im Rathaus willkommen.
Als ein „Riesenevent“ für die Lehrer und Schüler beider Gymnasien bezeichnete der Schultes den ersten außereuropäischen Austausch. Auch er formulierte seine Unsicherheit: Wie begrüßt man Gäste aus China? Was essen sie? Welche Mentalität werden sie wohl haben?
Aber zunächst freute er sich mit seinen Gästen gemeinsam über die erfolgreichen Bemühungen der Betreuer auf chinesischer wie deutscher Seite und bedankte sich für deren Aufwand im Vorfeld, für ihre Begeisterung, so dass dieser Austausch entstehen konnte.
Als die wichtigste Sache, die beide Nationen hier miteinander verbindet, betonte er die Beziehung zur Musik. Er appellierte an die Jugendlichen, diesen Austausch als Chance eines weltübergreifenden Verständnisses in dieser globalen Welt zu begreifen und hiermit den Anfang zu wagen, sich gegenseitig zu empfangen. So – laut Bürgermeister – würden es Spaichinger Firmen schon seit langem verstehen, wirtschaftliche Verknüpfungen mit China zu organisieren oder Zweigfirmen zu bauen. Bei dieser Premiere biete sich die Gelegenheit, gegenseitiges Interesse und Verständnis zu wecken und eventuell für den späteren wirtschaftlichen Austausch zu nutzen. Er ermunterte die chinesischen Schüler, nach der Hochschulreife süddeutsche Universitäten zu besuchen und den deutschen Absolventen, sich in chinesischen Universitäten einzuschreiben, um internationale Erfahrungen zu sammeln.
Darauf stieß er mit seinen Gästen an und lud die chinesischen Gäste ein, sich von Großstadt und Hitze in unserem Klima zu erholen und eine kleine Stadt hoffentlich genießen zu lernen.

Schule Made in China – Made in Germany
Was können wir voneinander lernen?
Bei einem Schulrundgang durch das Gymnasium Spaichingen staunten die Gäste besonders über die multimediale Ausstattung, die Schülermitverwaltung und ihre Räume, interessierten sich für Vorgänge wie die finanzielle Selbstverwaltung der Schule, die natürlich um einiges komplizierter als eine staatlich geführte ist.
Beeindruckend und nachahmenswert fanden sie den Abend der Technik, bei dessen Vorbereitungen sie schon ameisengleich durch die Halle wuselnde Elftklässler beobachten konnten, die ihre Projektergebnisse aus dem NWT-Unterricht für die öffentliche Präsentation aufbauten. Überraschend fanden sie, dass die Schüler auch selbst ihre Bühne für ihren Auftritt beim Sommerkonzert aufbauen und die gesamte Ton- und Lichttechnik im Griff haben. Viele Ideen möchten sie mitnehmen in die Number Four Middle School mit ihren 2000 Schülern/innen. Bei einer Klassenstärke von durchschnittlich 45 bis 55 Kindern ist wahrscheinlich einiges in der Umsetzung nicht möglich. Dafür, das zeigten uns die Kinder aus China, lehren die Erzieher ihren Zöglingen hohe Disziplin und verfolgen andere Lernziele, die wir uns zum Teil abschauen könnten: Die Schüler nehmen an Lese- und Kommunikationskursen, Denkübungen, Kalligraphieunterricht und Kooperationsübungen teil, dadurch soll ihre Lernfähigkeit verbessert werden. Nach einem Schultag, der von 7.30 bis 17.00 dauert, setzen sich die Kinder in der Regel noch zwei Stunden an die Hausaufgaben, die von den Lehrern/innen generell eingesammelt und bewertet werden.
Die Nanjing Number Four Middle School ist ganz berühmt für sein Orchester. Seit 20 Jahren hat die Orchesterklasse, die aus den Schülern vom Orchester besteht, große Auszeichnungen bekommen, z.B. hat das Orchester dreimal bei dem Spiel in der Provinz Jiangsu den ersten Platz erreicht. Jährlich bekommt das Orchester verschiedene Auszeichnungen auf der Staats-, Provinz- und Stadtebene. Ferner werden die Schüler aus der Orchesterklasse mit guten akademischen Leistungen jährlich von den Eliteuniversitäten im Land und Ausland aufgenommen, zum Beispiel: Central Conservatory Of Music, Uni Nanjing sowie University of Cambridge usw. Das Orchester pflegt auch mit verschiedenen Orchestern aus anderen ausländischen Schulen den Austausch wie z.B. in Japan und Kanada.
Empfang der chinesischen Schüler durch BM Schuhmacher

Klänge wie bei „Mulan“
Sommerkonzert in Spaichingen
Wie beim Sommerkonzert des Gymnasiums Spaichingen zu beobachten war, harmonierten das chinesische Orchester der Nanjing Number Four Middle School und das Kooperationsorchester Spaichingen / Trossingen bei einer gemeinsamen Darbietung des Ungarischen Tanzes Nr.5 von Johannes Brahms auf besondere Weise – musikalischer Katalysator war dabei einmal mehr Winfried Mattes, der dirigierend Energie geladen, furios und exakt einen entscheidenden Beitrag zur Völkerverständigung leistete. Durch die Sprache der Musik war Kommunikation über eigentlich vorhandene Sprachbarrieren möglich, bereits zu Beginn des Programms gelang es dem chinesischen Orchester mit „China ist unsere Heimat“ den Zuhörern geradezu bildlich die Landschaften des Reichs der Mitte vor Augen zu führen, die die meisten von uns nur aus Filmen wie „Mulan“ bekannt sind, und auch der Auftritt zweier Solistinnen der Gruppe fand regen Beifall. Unter der Leitung von Tanja Staudenmaier brillierte das Kooperationsorchester mit der Ouvertüre zur „Feuerwerksmusik“ und dem Vorspiel zu „Ein Sommernachtstraum“.
Vizeschulleiter Wang Sumin bedankte sich an dieser Stelle bei allen Gastfamilien, dass sie sich in Deutschland fühlen könnten wie zu Hause, er fände die Menschen freundlich, die Stadt sauber(er als in Nanjing) und lobte die sehr gute Atmosphäre für die Musik, die er bei uns vorfinden konnte. Noch einmal bedankte er sich für die Chance, die man auf diese Weise den chinesischen Kindern biete, internationale Erfahrungen – nicht nur im musikalischen Bereich – zu sammeln. Er lud alle Interessierten zum Gegenbesuch nach Nanjing ein, denn Baden-Württemberg und China seien doch fast Nachbarn. Man steige in Frankfurt ins Flugzeug ein, mache die Augen zu und wenn man sie wieder öffne, sei man schon in Nanjing. Die 12.000 km würde man kaum bemerken.
Der erste Schritt zu gegenseitigem Verständnis und einer daraus resultierenden Offenheit ist über den kulturellen Austausch getan, dann kann man auch über landespolitische und wirtschaftliche Probleme diskutieren. Wichtig ist auch eines, was unsere Gäste mit nach Hause genommen haben: Sie konnten bei uns in der Stadt, in den Familien und in der Schule eine multikulturelle Gemeinschaft erleben, die miteinander musiziert, lernt, naturwissenschaftliche Projekte organisiert, an der Gestaltung ihrer Umgebung aktiv mitwirkt.